Der »Stent Retriever« – eine mechanische Methode zur Blutgerinnselentfernung beim Schlaganfall

Priv.-Doz. Dr. med. Christian Nolte
Christian Nolte

Interview mit Priv.-Doz. Dr. med. Christian Nolte

Seit einigen Jahren taucht in den Medien – von der Presse bis zu amerikanischen Arztserien wie »Emergency Room« - immer wieder eine mechanische Methode zur Entfernung von Blutgerinnseln auf. Wie kann man sich diese Methode vorstellen?
Dieses Instrument ist ein Katheter, der von der Leiste her über die großen Körpergefäße bis zu den Hirngefäßen geschoben wird, um einen Blutpropfen zu entfernen, der ein solches Blutgefäß verschließt. Das Ende des Katheters, das am Blutpropfen angreift, wurde im Lauf der Jahre immer weiter verbessert. Die ersten Katheter, so genannte »Retriever« (engl. to retrieve: zurück holen, heraus holen), hatten am Ende eine Art Korkenzieher, der sich sozusagen in das Gerinnsel herein schraubt. Andere Modelle endeten in einer Art Krokodilklemme oder einem Bürstenkopf. Aber erst mit dem »Stent Retriever« der das Gerinnsel in einer Art kleinem Drahtkäfig einfängt, begann die Erfolgsgeschichte dieser mechanischen Methode. Der Vorteil des Drahtkäfigs liegt darin, dass vom Gerinnsel nichts in die Umgebung verloren geht und das Gerinnsel in 80 bis 90 Prozent der Fälle geborgen werden kann. Bei alleiniger Lyse in ähnlicher Gerinnsel-Lokalisation wird das Gefäß nur in 50 Prozent der Fälle wieder durchgängig.

Wie ist die Studienlage zum Retriever, gibt es Risiken?
2013 wurden drei Studien zu den älteren Retriever-Modellen veröffentlicht. Diese konnten keinen Zusatznutzen gegenüber der herkömmlichen medikamentösen Lyse nachweisen. Dies gelang erstmals mit der niederländischen »MrClean«-Studie, die den modernen Stent Retriever verwendete und im Herbst 2014 erstmals auf dem Weltschlaganfallkongress in Istanbul vorgestellt wurde. In dieser Studie wurde der Stent Retriever zusätzlich zur medikamentösen Lysetherapie eingesetzt. Vier weitere ebenfalls erfolgreiche Studien mit der neuen Generation von Retrievern folgten. Die Studien wurden begeistert von der Fachwelt aufgenommen, denn nicht nur der Behinderungsgrad der Patienten wurde nachweislich verringert, sondern auch die Sterblichkeit.

Kann der Stent Retriever bei allen Patienten eingesetzt werden oder kommt er nur für einen Teil in Frage?
Leider kann diese Methode nur bei einem kleinen Teil der Patienten eingesetzt werden, nur bei Patienten bei denen ein größeres Gefäß durch ein Gerinnsel verstopft ist. Momentan schätzt man dass es 5 bis 10 Prozent der Patienten sein werden. Dies sind allerdings auch die besonders schlimmen Schlaganfälle mit schweren Einschränkungen. Empfohlen wird die Therapie, z. B. von der Europäischen Schlaganfallorganisation, in einem Zeitfenster von bis zu sechs Stunden nach Auftreten des Schlaganfalls. Aber auch hier gilt natürlich: Je früher das Gerinnsel entfernt wird, desto besser. Besonders stark profitierten natürlich Patienten bei denen das Gehirn noch nicht so stark geschädigt war. Das Ausmaß der Schädigung lässt sich mit bestimmten bildgebenden Methoden wie CT-Perfusion und MRT-Mismatch bestimmen.

Wo wird die Methode eingesetzt?
Bislang ist der Einsatz des Stent Retrievers auf große Zentren beschränkt, Vorbedingung ist z. B. eine interventionelle Neuroradiologie. In Frage kommen hier überregionale Stroke Units. Es wird geschätzt, dass ein solches Zentrum für eine halbe Million bis eine Million Menschen sinnvoll sein könnte.

Weitere Informationen über die Arbeitsgruppe und die Forschungsprojekte von Dr. Christian Nolte

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