Sind 90 Prozent aller Schlaganfälle vermeidbar?

Dr. Bob Siegerink
Dr. Bob Siegerink

Interview mit Dr. Bob Siegerink, Epidemiologe am CSB

Herr Dr. Siegerink, Sie sind Epidemiologe am CSB, könnten Sie bitte kurz Ihr Fachgebiet erklären?
Epidemiologie ist das Teilgebiet der Medizin, das sich mit dem Auftreten von Krankheiten in der Bevölkerung und damit verbundenen Faktoren beschäftigt. Statistische Methoden und mathematische Modelle sind unser Handwerkzeug.

Im Juli 2016 erschien die Interstroke Studie* zu Schlaganfallrisikofaktoren in der renommierten Fachzeitschrift Lancet und sorgte für ein umfangreiches Presseecho. Könnten Sie die Studie bitte kurz erläutern?
Interstroke ist eine große internationale Studie unter kanadischer Leitung, die mit fast 27.000 Patienten in 32 Ländern durchgeführt wurde. Der Einfluss von veränderbaren Risikofaktoren in verschiedenen Weltregionen bei unterschiedlichen Typen von Schlaganfall wurde von den Autoren der Studie quantifiziert. 10 Risikofaktoren stehen in Zusammenhang mit 90 % aller Schlaganfälle. Das gilt bei Männern und Frauen für alle Regionen, jedoch variiert der Einfluss der Faktoren regional.

Um welche 10 veränderbaren Risikofaktoren ging es denn bei der Studie?
Der Faktor mit dem größten Einfluss ist allen voran der Blutdruck, das gilt für jede Region der Welt. Die anderen Faktoren sind körperliche Aktivität, Fettstoffwechselstörungen, Ernährung, Taille-Hüft-Verhältnis, psychosoziale Faktoren, Rauchen, Herzkrankheiten, Alkoholkonsum und Diabetes.

Wenn 90 % aller Schlaganfälle in Zusammenhang mit den zehn genannten Risikofaktoren stehen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass all diese Schlaganfälle vermeidbar wären?
Das epidemiologische Konzept des sogenannten attributablen Risikos ist nicht ganz einfach zu erklären. Wenn wir durch Zauberei die veränderbaren Risikofaktoren aus der Welt schaffen könnten, hätten wir 90 % weniger Schlaganfälle. Aber: Der Ausdruck „veränderbare Risikofaktoren“ ist irreführend, da er suggeriert, dass wir z.B. Bluthochdruck aus der Welt schaffen könnten. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass wir aus „Patienten mit Bluthochdruck“ lediglich „Patienten mit behandeltem Bluthochdruck“ machen können. Das ist etwas anderes als jemand der niemals hohen Blutdruck hatte. Nichtsdestotrotz zeigt die Studie, dass die ursächlichen Mechanismen für Schlaganfall hochgradig von diesen veränderbaren Risikofaktoren abhängen. Auch wenn sich im wirklichen Leben nicht 90 % aller Schlaganfälle vermeiden lassen, so lässt sich doch mit Vorbeugung hier sehr viel erreichen und unsere Gesellschaft sollte sich stärker für die Vorbeugung engagieren, insbesondere da die hier genannten Risikofaktoren einen Einfluss auf alle Herz-Kreislauf-Krankheiten haben.

Noch eine abschließende Frage: Woran arbeiten Sie gerade?
Unter anderem arbeiten wir gerade an einem verwandten Thema und untersuchen speziell bei der Altersgruppe der jungen Schlaganfallpatienten – d.h. bei Patienten bis 55 Jahren – die Auswirkungen der beeinflussbaren Risikofaktoren.

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