Sprachstörungen nach Schlaganfall – Elektrische Hirnstimulation verbessert das Therapieergebnis

Studie Hirnstimulation

Schlaganfallpatienten leiden häufig an einer Sprachstörung, einer sogenannten Aphasie. Etwa jeder fünfte Patient ist dauerhaft betroffen und hat auch ein Jahr nach dem Ereignis Probleme fließend zu sprechen oder Sprache zu verstehen. Um für diese Patienten weitere Therapiemöglichkeiten zu eröffnen, forscht Prof. Dr. Agnes Flöel, Oberärztin an der Klinik für Neurologie der Charité und Mitglied des Centrums für Schlaganfallforschung Berlin, am Ansatz der nicht-invasiven Hirnstimulation.

Bei der sogenannten transkraniellen Gleichstromstimulation, kurz tDCS (engl. transcranial direct current stimulation), wird durch den Schädel hindurch mittels Elektroden auf der Kopfhaut mit schwachem Gleichstrom die jeweilige Hirnregion stimuliert. Mit der tDCS lassen sich kognitive Funktionen, also Funktionen, die mit Wahrnehmung, Lernen, Erinnern und Denken zu tun haben, beeinflussen. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass über eine Modulation der Aktivität der Nervenzellen und wie sie mit einander verbunden sind, eine Leistungsverbesserung erzielt werden kann. Das legt nahe, dass die tDCS im klinischen Zusammenhang, z. B. nach einem Schlaganfall, ein vielversprechendes Mittel zur Wiederherstellung beeinträchtigter Funktionen ist. Jedoch gibt es dazu bislang nur wenige klinische Studien.

In einer jetzt erschienen Arbeit aus der Forschungsgruppe von Agnes Flöel wurden Patienten mit chronischer Aphasie (Sprachstörung) nach Schlaganfall mittels eines 8-tägigen intensiven Benenntrainings und entweder tDCS oder Schein-Stimulation behandelt. Dabei dient die Gruppe mit der Schein-Stimulation als Kontroll- bzw. Vergleichsgruppe. Solche Studien werden „doppel-blind“ durchgeführt, das heißt um Voreingenommenheit zu vermeiden, wissen weder der Patient noch der Arzt, wer tatsächlich und wer nur scheinbar die Stimulation erhalten hat. Beide Gruppen verbesserten sich in der Benennleistung, wobei sich eine signifikante Überlegenheit in der tDCS-Gruppe für den Transfer auf nicht-trainierte Objekte sowie in der Langzeitwirkung nach sechs Monaten zeigte. Darüber hinaus konnten in beiden Gruppen für den Alltag bedeutsame Verbesserungen erreicht werden, wobei die Verbesserungen in der tDCS-Gruppe statistisch signifikant höher ausfielen. Beispielsweise konnten die Patienten besser beim Bäcker die Brötchen bestellen oder beim Arzt ihre Beschwerden schildern; dieser Befund wurde auch von den Partnern der Patienten im sogenannten Partnerkommunikationsfragebogen bestätigt.

Zusammenfassend konnte in dieser Studie erstmals gezeigt werden, dass sich mit dieser einfach anwendbaren und gut verträglichen Maßnahme alltagsrelevante Verbesserung bei Patienten mit chronischer Aphasie erreichen lassen.


Quelle:
Electrical stimulation of the motor cortex enhances treatment outcome in post-stroke aphasia.
Meinzer M, Darkow R, Lindenberg R, Flöel A.
Brain. 2016 Feb 16. pii: aww002. [Epub ahead of print], PMID: 26912641
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26912641
http://brain.oxfordjournals.org/content/early/2016/02/16/brain.aww002

Fragen an Prof. Dr. med. Agnes Flöel

Prof. Dr. med. Agnes Flöel
Agnes Flöel

Wird tDCS in der Therapie bereits eingesetzt?
Die tDCS wird noch nicht in der Routineversorgung eingesetzt, da sowohl die Ergebnisse bei motorischen Störungen als auch bei Aphasie erst in größeren multizentrischen Studien bestätigt werden müssen. Genau das ist auch unser nächstes Ziel für den Bereich der Aphasie: Aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen wollen wir eine solche Studie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragen. Patienten, die an einer Teilnahme in der Zukunft interessiert wären, können sich gerne melden (Kontakt siehe unten) und werden dann in unsere Datenbank aufgenommen. Laufende Studien im Bereich Hirnstimulation, die aktuell bei uns noch rekrutieren, schließen ältere gesunde Menschen und Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen ein, und zielen auf eine Verbesserung der Gedächtnisleistung ab.

Gibt es Nebenwirkungen?
Die Methode ist insgesamt sehr gut verträglich. Die bisher berichteten Nebenwirkungen – bei mehreren tausend Probanden in verschiedenen Studien – beschränken sich auf Kribbeln, Jucken und Missempfindungen und/oder Rötungen unter der Elektrode, leichte Kopfschmerzen und ungerichteten Schwindel. Diese Nebenwirkungen treten allerdings in ähnlicher Häufigkeit und Verteilung auch bei den Scheinstimulationsprobanden auf. Epileptische Anfälle sind bisher nicht aufgetreten. Trotzdem dürfen – als Vorsichtsmaßnahme – Patienten mit epileptischen Anfällen bisher nicht teilnehmen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit diese Form der tDCS eingesetzt werden kann?
Bei den Aphasiestudien muss eine chronische Aphasie vorliegen, das heißt es müssen mindestens sechs Monate nach Schlaganfall vergangen sein. Es dürfen bisher keine epileptischen Anfälle aufgetreten sein. Weitere Ein- und Ausschlusskriterien werden dann individuell vom Studienleiter geprüft. Für die Gedächtnisstudien werden Menschen zwischen 50 und 80 Jahren eingeschlossen, die bisher keinen Schlaganfall erlitten haben. Es dürfen ebenfalls keine epileptischen Anfälle bisher aufgetreten sein.

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